lange geschlossen bleibt. Das wiederum könnte Unternehmen in Asien zu Produktionskürzungen bei wichtigen Vorprodukten zwingen, wovon dann auch europäische Unternehmen betrof- fen wären“, so Jörg Krämer. Ein Worst-Case-Szenario, das Stephan Kemper allerdings nicht als wahrscheinlich erachtet. Er hält es für denkbar, dass die Kampfhandlungen im Nahen Osten nicht vollständig enden, der Warenfluss durch die Straße von Hormus jedoch wieder aufgenommen wird. Das wäre ein Szenario, das auch den USA einen gesichtswahrenden Ausstieg aus diesem Krieg ermögli- chen könnte. Wachstumsdelle oder Rezession? Der Iran ist zudem stark vom Handel mit China abhängig. Trotz seiner Rolle als großer Energielieferant weist das Land eine negative Handelsbilanz mit dem „Reich der Mitte“ auf. „Sie im- portieren unglaublich viel, auch einfache Technik aus China“, erklärt Kemper. „Das heißt, sie können es sich eigentlich nicht leisten, China dauerhaft zu verärgern.“ Entsprechend wahr- scheinlich ist, dass dieser wichtige Seeweg relativ rasch wie- der geöffnet wird. Friedrich Mostböck gibt jedoch zu bedenken, dass die freie Fahrt durch den Persischen Golf nicht unmittelbar und nach- haltig zu sinkenden Ölpreisen führen muss: „In der Region wur- de viel Infrastruktur zerstört – Öl- und Gasfelder, Lagerstätten, Raffinerien, LNG-Anlagen und Pipelines. Die Auswirkungen sind derzeit schwer abzuschätzen, selbst wenn der Krieg bald vorbei ist.“ In einer ersten Reaktion hat die Erste Group ihre Inflationser- wartung für den Euroraum 2026 bereits von 1,8 auf 2,4 Prozent angehoben. Dennoch geht Mostböck davon aus, dass der Kon- flikt nicht allzu lange andauern sollte, „weil er auch den Angrei- fern offensichtlich mehr Schaden als Nutzen gebracht hat“. In diesem Szenario wäre lediglich mit einer „kleinen Wachstums- delle“ zu rechnen. Eine aktuelle Einschätzung, die sich auf- grund der volatilen Lage allerdings kurzfristig jederzeit ändern kann, wie er betont. Auch bei BNP Paribas Wealth Management rechnet man im Basisszenario nicht mit gravierenden wirtschaftlichen Schä- den. „Wir erwarten weiterhin solides Wachstum in Europa, ins- besondere getrieben durch eine Wachstumsbeschleunigung in Deutschland“, erklärt Kemper. Konkret prognostiziert man 1,4 Prozent BIP-Wachstum für Deutschland im Jahr 2026 und 1,5 Prozent im Folgejahr. Für die Eurozone werden 1,6 Prozent für beide Jahre erwartet. Gleichzeitig dürfte sich das Wachs- tum in den USA in Richtung zwei Prozent abschwächen. Die Wachstumsschere zwischen Europa und den USA würde sich somit reduzieren. Diese Prognosen stehen jedoch unter folgendem Vorbehalt: Verharrt der Ölpreis längerfristig über 100 Dollar, drohen stei- gende Inflation, einbrechendes Wachstum und im Extremfall eine Rezession. Dann müssten Notenbanken gegensteuern und die Leitzinsen erhöhen. Für Kemper wäre das das Worst- Case-Szenario. Jörg Krämer geht allerdings schon von deutlich negativeren Auswirkungen des Krieges aus: „Die deutsche Wirtschaft ist ohnehin angeschlagen. Das Fiskalpaket der Bundesregierung konnte das Wachstum in den Monaten vor Ausbruch des Nah- ostkriegs nicht anschieben, vermutlich weil die Unternehmen wegen fehlender breitbasierter Reformen enttäuscht und ent- sprechend zurückhaltend sind.“ Selbst wenn die Straße von Hormus Anfang Juni wieder geöffnet würde, erwartet er für Deutschland nur mehr ein Wachstum von 0,6 Prozent. „Hielte der Krieg dagegen bis zum Jahresende an und stiege der Öl- preis auf 130 Dollar, wäre eine Rezession wahrscheinlich“, er- gänzt der Ökonom. Die Commerzbank prognostiziert eine Zinserhöhung durch die EZB spätestens für Juni. „Anders als die Terminmärkte erwar- ten wir jedoch nicht zwei bis drei Zinserhöhungen. Im Zweifel wird die EZB trotz der Inflation Rücksicht auf die hoch ver- schuldeten Staaten nehmen“, meint Jörg Krämer. Unternehmen müssen ihre Resilienz stärken Einigkeit besteht darüber, was diese prekäre Situation für Un- ternehmen bedeutet: Sie müssen ihre Resilienz deutlich erhö- hen. Das beginnt bei der regionalen Diversifizierung von Märk- ten und Produktionsstandorten, unter Berücksichtigung des Faktors politischer Stabilität. „Mit sicheren Regionen mehr zu machen, ist natürlich sinnvoll“, sagt Mostböck und nennt Latein amerika, Afrika, Australien und Indien als Beispiele. Nicht zuletzt haben in der Vergangenheit Staaten wie die USA oder China Handel als Waffe eingesetzt. Das betrifft etwa die Verfügbarkeit Seltener Erden. „Da wird versucht, Druck aufzu- bauen“, meint Stephan Kemper, „und dem können wir nur dann wirklich gut begegnen, wenn wir uns breiter aufstellen.“ Ent- sprechend positiv sehen die Ökonomen die in letzter Zeit neu abgeschlossenen Handelsabkommen der EU, etwa mit dem südamerikanischen Wirtschaftsraum Mercosur, Australien oder mit Indien. Ebenso zentral ist die Reduktion der Abhängigkeit von fossilen Energieträgern. „Das hat bereits der Ukraine-Krieg gezeigt“, betont Friedrich Mostböck, „und jetzt sehen wir das mit dem Krieg im Nahen Osten noch einmal: Wir müssen wegkommen von fossilen Brennstoffen.“ Es gäbe aktuell kein besseres Argu- ment für die Forcierung alternativer Energiequellen. Auch Lieferketten müssen neu gedacht werden, empfiehlt Stephan Kemper: „Was viele Unternehmen heute verwundbar macht, ist eigentlich das, was ihnen in den letzten Jahren gut- getan hat: dieser starke Fokus auf Just-in-time und Single Sourcing. In einer globalisierten Welt ohne Handelsfriktion war das genau die richtige Strategie. Das dreht sich jetzt aber kom- plett um.“ Da geht es um Fragen der Lagerhaltung und um die Diversifizierung der Lieferkette. Es ist sinnvoll, diese tiefer zu analysieren. „Es ist schön, wenn Sie wissen, wer Ihr Lieferant ist für einen Teil. Es macht aber Sinn, auch zu wissen, wer die Lie- feranten des Lieferanten sind, denn häufig entstehen ja Proble- me irgendwo relativ weit hinten in der Lieferkette“, so Kemper. Darüber hinaus sollten Unternehmen ihre Kostenstruktur überprüfen: Fixkosten reduzieren, potenzielle Zinsrisiken 27